Tuberkulose aus ORTHOpress

Tuberkulose aus ORTHOpress

Tuberkulose

Vielfach vergessen, aber nicht verschwunden

Bei Tuberkulose oder Schwindsucht denken nicht wenige zuerst an das Boheme-Leben in Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so wie Mimi in den Armen ihres Geliebten Rudolf stirbt: „Wie eiskalt ist dein Händchen“, herzergreifend vertont von Puccini in seiner Oper „La Bohème“. Wer jedoch meint, diese Erkrankung gehöre inzwischen der Mottenkiste der Medizingeschichte an, der irrt gewaltig. Glaubte man in der Tat in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dass die Tuberkulose zumindest in der „entwickelten“ Welt ausgerottet sei, so sieht es nun im Zeitalter der Globalisierung ganz anders aus. Durch die Immigration vor allem auch aus osteuropäischen Ländern und die Ausbreitung von AIDS bleibt auch bei uns die Tuberkulose eine Erkrankung, an die man denken sollte.

Man schätzt, dass heute etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit Tuberkelbazillen infiziert sind, ohne allerdings immer ansteckend zu sein. Pro Jahr erkranken weltweit etwa acht Millionen Menschen neu an Tuberkulose, davon nahezu 8.000 allein im wohlhabenden Deutschland. Auch wenn sich viel geändert hat, eines ist geblieben: Tuberkulose ist auch heute noch meistens verbunden mit Armut, Unterernährung, schlechten hygienischen Verhältnissen und reduzierten Abwehrkräften. So sterben z.B. in Afrika fast 40 Prozent der Erkrankten an der Tuberkulose, während sie in den Industrienationen – zur Zeit noch – meistens heilbar ist.
Was ist Tuberkulose?
Als Tuberkulose bezeichnet man eine chronische in zwei Phasen verlaufende Infektion mit Tuberkelbakterien, den so genannten Mykobakterien tuberkulosis, die in der Regel durch Tröpfcheninfektion, also beim Sprechen, Husten und Niesen übertragen werden. Nach einer Inkubationszeit von vier bis sechs Wochen bildet sich die so genannte Primärtuberkulose – meistens in der Lunge – aus. Allerdings erkranken bei intaktem Immunsystem nur etwa drei Prozent der Infizierten. Ist das Immunsystem aber z.B. durch AIDS, Alkohol oder Drogen, durch Unterernährung oder die körpereigene Abwehr unterdrückende Medikamente geschwächt, erhöht sich die Zahl der Erkrankten drastisch. In den folgenden Monaten kapselt der Primärkomplex in der Regel ab und verkalkt. Meist bleibt er völlig symptomlos, auch wenn er immer noch lebensfähige Tuberkelbakterien enthält. Bei einer Schwächung des Immunsystems können sich die Tuberkelbakterien aber jederzeit, unter Umständen auch relativ schnell, über den ganzen Organismus ausbreiten und zahlreiche andere Organe befallen, was man dann Postprimärtuberkulose nennt. Meist ist auch in diesen Fällen die Lunge betroffen und verursacht dann die klassischen Symptome der Schwindsucht, wie sie nicht zuletzt aus zahlreichen Werken der Weltliteratur bekannt sind.
Wie macht sich eine Tuberkulose-Infektion bemerkbar?
Manchmal treten gar keine Beschwerden auf und wenn, sind sie meist eher uncharakteristisch. Müdigkeit, Schwäche, Appetitlosigkeit, leichtes Fieber, nächtliches Schwitzen und eventuell ein trockener Husten oder ein chronisches Hüsteln lassen oft zunächst an einen grippalen Infekt denken. Atemabhängige Schmerzen und Bluthusten treten erst später bei einem Organbefall der Lunge auf.
Bei rechtzeitiger Diagnose und konsequenter Behandlung ist die Prognose gut
Menschen mit einem abgekapselten Primärkomplex sind nicht ansteckend. Erst wenn die Tuberkuloseherde eine Verbindung nach außen haben, also Anschluss an das Bronchial-, Blut- oder Harnsystem gefunden haben – wie es bei einem Organbefall vorkommt – werden die Tuberkelbakterien in die Umwelt abgegeben und können damit auf andere übertragen werden: Man spricht von einer „offenen“ Tuberkulose. Wenn bei Patienten die Tuberkulose „offen“ ist, sollten sie, damit die Erreger nicht weiter verbreitet werden können, umgehend isoliert werden, was in Deutschland auch gegen ihren Willen erfolgen kann. Die Behandlung wird heute immer mit einer Mehrfachkombination von verschiedenen so genannten Tuberkulostatika durchgeführt. Die Medikamente sollten konsequent über die verordnete Zeit – in der Regel sechs bis neun Monate, unter Umständen auch länger – eingenommen werden. Patienten mit offener Tuberkulose werden auch heute noch stationär behandelt, und zwar so lange, bis sie nicht mehr ansteckend sind, meist sind dies etwa zwei Wochen. Die konsequente Therapie ist erforderlich, damit sich keine Resistenzen entwickeln. Durch zu niedrig dosierte oder zu früh abgebrochene Therapien haben sich bereits viele resistente Bakterienstämme entwickelt, für die es bisher keine wirkungsvollen Medikamente gibt. Dies ist besonders in armen Ländern wie z.B. in Afrika ein großes Problem. Diesen Ländern fehlen häufig auch die finanziellen Mittel, um flächendeckend Schutzimpfungen durchführen zu können, mit deren Hilfe die weitere Verbreitung wirkungsvoll eingedämmt werden könnte. Bei uns wird eine Tuberkuloseimpfung nicht mehr allgemein sondern nur noch in Einzelfällen empfohlen, etwa bei Immunschwäche oder wenn Säuglinge in Länder mit hoher Tuberkuloserate reisen. Auch wenn die Tuberkulose bei uns weitgehend ihren Schrecken verloren hat, eine Infektion ist auch heute noch möglich.
von Sigrid Eberle

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