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Männer und Frauen brauchen eine andere Medizin aus ORTHOpress

Mehr als der kleine Unterschied

Männer und Frauen brauchen eine andere Medizin

Moderne Mediziner legen zunehmend Wert darauf, dass ihre Medizin nicht nur auf Erfahrung, sondern auf überprüfbaren harten Daten beruht. Evidenzbasiert nennt man das, wenn die handfesten Erkenntnisse durch Untersuchungen und Studien, die bestimmten Qualitätsanforderungen genügen, gewonnen wurden. So wird heute z. B. bei jeder Therapieempfehlung erwartet, dass der Grad ihrer Evidenz angegeben wird. So weit, so gut und auch richtig.

Allerdings – und da stehen viele der modernen Mediziner noch mitten im Mittelalter – gilt als Bezugsgröße immer noch der Mann schlechthin. Das heißt, in „normalen“ medizinischen Studien und Untersuchungen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Gerade mal in etwa 14 Prozent aller Untersuchungen finden sich Hinweise auf eine Differenzierung zwischen Männern und Frauen. Dabei weiß man eigentlich schon lange, dass sich Männer und Frauen nicht nur in dem „kleinen Unterschied“ unterscheiden. Dennoch blieb die geschlechtsspezifische Forschung fast gänzlich auf die reproduktiven Organe beschränkt, andere Unterschiede wurden einfach ignoriert. Erst allmählich wächst die Erkenntnis, dass die Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Geschlecht einen eigenständigen und bedeutsamen Parameter innerhalb der Medizin darstellt. kasten_gender.jpg

Unterschiedlicher Stoffwechsel

Männer gelten als stoffwechselstabiler, das heißt, bei ihnen sind hormonelle Schwankungen nicht so offensichtlich wie bei Frauen. Außerdem muss man bei ihnen nicht befürchten, dass sie schwanger werden könnten. Daher werden z. B. Medikamententestungen bevorzugt bei jungen, gesunden Männern durchgeführt mit der Konsequenz, dass Frauen nachweislich oft falsch behandelt werden. So gab es Fälle, bei denen Männer zwar von einer bestimmten medikamentösen Therapie profitierten, die Sterblichkeit bei Frauen dagegen anstieg. Erst seitdem gezielte Untersuchungen auch an Frauen durchgeführt wurden, gibt es sicherere Therapieempfehlungen. Unterschiede können sich z. B. in der Dosierung ergeben, weil Männer in der Regel größer und schwerer als Frauen sind. Aber es gibt nachweislich auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Verstoffwechselung von Wirkstoffen. Diese beruhen unter anderem auf dem unterschiedlichen Fettanteil bei Frauen und Männern. Vor allem fettlösliche Substanzen werden so z. B. in Bezug auf Schnelligkeit und Dauer der Wirkung verändert. Aber auch unterschiedliche enzymatische Aktivitäten sind mittlerweile bekannt. Welchen Einfluss die bekannten hormonellen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bzw. bei Frauen innerhalb des monatlichen Zyklus auf Diagnose und Therapie von Erkrankungen haben, ist bis heute auch nicht annähernd erforscht. Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts wächst aber die Sensibilität für diese Fragen. Seit knapp zehn Jahren gibt es verstärkte Bemühungen, geschlechtsspezifische Betrachtungen in alle Bereiche der Medizin einfließen zu lassen. So hat die Bundesregierung 2001 den ersten „Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland“ vorgelegt. Allerdings befindet sich die Forschung immer noch im beschreibenden Stadium, das heißt, die Unterschiede werden bisher lediglich registriert und beschrieben. Eine systematische Einordnung steht noch aus und auf Erklärungen für diese Phänomene werden wir wohl noch etliche Jahre warten müssen.
Herzinfarkt – Männerkrankheit?
Am besten bekannt sind mittlerweile die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, speziell beim Herzinfarkt. Dank breit angelegter Kampagnen ist heute allgemein bekannt, dass Atemnot, Brustschmerzen und in den linken Arm ausstrahlende Schmerzen typische Anzeichen für einen Herzinfarkt sind. So wundert es nicht, dass bei einer Frau, die sich mit Übelkeit und Druckgefühl im Oberbauch bei ihrem Hausarzt vorstellt, in der Regel eher an eine Gallenkolik oder eine psychosomatische Erkrankung und nicht an einen Herzinfarkt gedacht wird. Aber dies sind die typischen Symptome für einen Herzinfarkt beim weiblichen Teil der Bevölkerung. Die Unkenntnis über diese andere Symptomatik führt dazu, dass Männer schneller diagnostiziert und behandelt werden und sehr viel mehr Männer als Frauen einen akuten Herzinfarkt überleben. Wussten Sie übrigens, dass insgesamt wesentlich mehr Frauen als Männer an der typischen „Männerkrankheit“ Herzinfarkt versterben? Allerdings sind Frauen im Schnitt etwa zehn Jahre älter, wenn es zum Herzinfarkt kommt. Das Phänomen, dass junge Frauen nach einem Herzinfarkt eine weitaus schlechtere Prognose haben als gleich alte Männer, kann bis heute noch nicht ausreichend erklärt werden.
Darin unterscheiden sich die Geschlechter unter anderem:

  • Fehl- und Frühgeburten sowie angeborene Missbildungen kommen beim männlichen Geschlecht deutlich öfter vor.
  • Die Sterblichkeitsrate im ersten Lebensjahr liegt bei Jungen 50 Prozent über der von Mädchen.
  • Weibliche Babys zeigen beim Blutabnehmen eine stärkere Schmerzreaktion.
  • Frauen lernen nach linksseitigen Schlaganfällen schneller wieder sprechen.
  • Nach herzchirurgischen Eingriffen müssen Frauen länger auf der Intensivstation behandelt und beatmet werden.
  • Männer neigen bei Infektionen stärker zu Sepsis und Multiorganversagen.
  • Diabetes kommt häufiger bei Frauen auf dem Land vor, männliche Diabetiker dagegen leben überwiegend in Städten.
  • Männer neigen eher zu Alkoholmissbrauch, Frauen greifen eher zu Medikamenten.

Herzinfarkt – Frauenkrankheit!
Die Risikofaktoren für einen Herzinfarkt sind bei beiden Geschlechtern gleich, allerdings mit einer unterschiedlichen Gewichtung. Rauchen wirkt sich bei Frauen dreifach negativer aus als bei Männern und ein Diabetes erhöht bei Frauen vor den Wechseljahren das Risiko für Herzerkrankungen mindestens vierfach, bei Männern „nur“ zweifach. Auch bei den Fettstoffwechselstörungen im Rahmen des sogenannten metabolischen Syndroms bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede. So ist z. B. eine Erniedrigung des (guten) HDL-Cholesterins auf < 35 mg/dl für Frauen ein besonders starker Risikofaktor. Ob Frauen – so wie Männer – von einer Primärprävention des Herzinfarktes mit cholesterinsenkenden Medikamenten profitieren, ist zurzeit Gegenstand von kontrovers geführten Diskussionen. Insgesamt, muss man sagen, werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch zu wenig mit Frauen in Verbindung gebracht. Für sie wird nahezu ausschließlich das Gespenst Brustkrebs an die Wand gemalt. Dabei wird ignoriert, dass für Frauen die Wahrscheinlichkeit, an einem Mammakarzinom zu versterben, bei drei Prozent liegt, hingegen für Tod durch eine Koronare Herzkrankheit und ihre Folgen bei etwa 31 Prozent. Eine weitere Erkrankung, die geschlechtsspezifisch verläuft, ist die rheumatoide Arthritis. Sie tritt bei Frauen nicht nur dreimal häufiger auf als bei Männern, Frauen zeigen im Verlauf auch eine viel stärkere Zerstörung der Gelenke. Trotzdem kommen Frauen in der Regel später in spezialisierte Behandlung und werden später und seltener mit besonders wirksamen Medikamenten behandelt. Allerdings leiden Frauen – übrigens nicht nur bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis – sehr viel stärker unter Medikamentenunverträglichkeiten.
Differenzierung – Gewinn für alle
Nun ist es nicht so, dass bisher ausschließlich Frauen unter der Ignoranz gegenüber geschlechtsspezifischen Unterschieden zu leiden hatten. Männer und Frauen erkranken nicht nur anders, sie nehmen Krankheit auch anders wahr. So sind Männer stärker körperorientiert und projizieren z. B. Depressionen sehr oft in den Rücken. Frauen dagegen haben eher ein ganzheitliches Krankheitsverständnis und können auch seelische Ursachen oder Überforderungen als solche besser und leichter benennen. Das bedeutet aber, dass so mancher Mann – völlig überflüssig – auf dem Operationstisch landet, nur weil die wahren Ursachen seiner Beschwerden nicht erkannt und dementsprechend behandelt wurden. Die stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer und soziobiologischer Unterschiede in der Medizin kann wesentlich dazu beitragen, schneller zur richtigen Diagnose zu kommen und die Behandlung effizienter und nebenwirkungsärmer zu gestalten. Über-, Unter- und Fehlversorgungen ließen sich vermeiden. Letztlich würde das Gesundheitssystem entlastet bei gleichzeitiger besserer Betreuung aller Patienten – der Wunschtraum aller Gesundheitspolitiker schlechthin! Bis dahin ist aber noch eine Menge an Forschungsarbeit zu leisten und viele Studien mit differenzierten Fragestellungen unter Beteiligung von Männern und Frauen sind erforderlich.
von Sigrid Eberle

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