Inkontinenz aus ORTHOpress
Inkontinenz
Das versteckte Leiden
Inkontinenz
Wenn Menschen die Kontrolle über ihre Ausscheidungsorgane verlieren, verlieren sie sehr häufig auch ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl. Die Tatsache, als erwachsener Mensch wieder auf Windeln angewiesen zu sein, löst Gefühle wie Unsicherheit, Scham, Angst, Trauer und Wut aus. Die größte Sorge ist nun: Wie verberge ich mein Problem? Hoffentlich merkt niemand etwas. Dies führt dazu, dass sich die meisten Betroffenen zurückziehen, gesellschaftliche Kontakte einschränken und ihre Wohnung nur mit einem genauen Plan verlassen, wie, wo und wann der Tag verbracht wird – um Peinlichkeiten zu vermeiden.
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In den letzten Jahren hat sich die Situation etwas gewandelt, zumindest, was die Harninkontinenz, also den unwillkürlichen Verlust von Urin, betrifft. Diese Erkrankung ist aus der absoluten Tabuzone heraus – und als Thema sogar im Werbefernsehen angekommen. Werbespots für diverse absorbierende Einlagen sind salonfähig geworden. Die Harninkontinenz findet sich dabei in allen Kulturkreisen, Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Der Grund hierfür ist in der unterschiedlichen Anatomie der Geschlechter zu finden: Die Flexibilität des weiblichen Beckenbodens steigert das Inkontinenzrisiko, hinzu kommt die Beanspruchung bei möglichen Geburten.
Nicht einfach ein Altersleiden
Vielfach gilt die Harninkontinenz als ein Leiden, das mit dem Alter kommt und somit „natürlich“ sei. Dies impliziert, dass sie quasi hinzunehmen ist. Dabei ist das Alter für sich genommen nur einer der Risikofaktoren, die zur Entstehung einer Harninkontinenz zählen. So gelten auch starkes Übergewicht, Rauchen und Koffein, allgemeine schwere körperliche Belastung und wenig körperliche Aktivität als schädlich, ebenso wie psychosozialer Stress in Familie und/oder Beruf. Tritt die Erkrankung auf, ist es wichtig, einen Arzt aufzusuchen und sie nicht zu verschweigen, denn nur mit der Diagnose kann eine passende Therapie gefunden werden.
Jeder erlebt die Krankheit anders
Die Symptome der Harninkontinenz können sehr verschieden sein. So leiden besonders Männer unter der sogenannten Drang inkontinenz, die durch starken Harndrang mit plötzlichem unkontrollierten Harnverlust einhergeht und durch eine Überaktivität der Blase bzw. unwillkürlichen Kontraktionen des Detrusors (Bezeichnung für die aus drei Muskeln bestehende Blasenwand) ausgelöst wird. Auch schwere körperliche Arbeit kann zu ungewolltem Harnabgang führen, wobei man von einer Stress- bzw. Belastungsinkontinenz spricht. Schweres Heben oder Tragen, Niesen oder Husten lösen in solchen Fällen den Harnverlust aus. Kommen Symptome sowohl der Drang- als auch der Stressinkontinenz zusammen, so spricht man von einer Mischinkontinenz. Zur Behandlung der Harninkontinenz gibt es verschiedene Medikamente wie z. B. urologische Spasmolytika. Sie tragen zu einer Entspannung des Detrusors bei und helfen das Blasenvolumen wieder zu steigern. Sie dürfen jedoch aufgrund von möglichen Nebenwirkungen nur vom Arzt verschrieben werden. Ganz anders ist die Situation für Stuhl inkontinente. Wer nicht in den Lage ist, den Abgang von Winden und Stuhl zu kontrollieren, offenbart sich meist nicht einmal seinem Partner, geschweige denn einem Arzt. Dabei ist dies Problem gar nicht selten. Ein bis drei Prozent der Bevölkerung, also zwischen 800.000 und nahezu zweieinhalb Millionen Menschen, leiden in Deutschland darunter. Auch wenn die Häufigkeit von Stuhlinkontinenz mit dem Alter zunimmt, sind durchaus nicht nur alte Menschen betroffen. Positive Beeinflussung durch ErnährungAuch die richtige Nahrung spielt bei der Prävention und Behandlung eine Rolle. Sowohl bei der Blasen- als auch bei der Darminkontinenz können besonders blähende Speisen Druck auf Blase und Darm ausüben – Gerichte wie Kohl, roher Salat und Ähnliches sollten somit nach Möglichkeit vermieden werden. Positiv hingegen wirkt sich eine ballaststoffreiche Ernährung z. B. mit Vollkorn wie Gerste und Weizen aus, die für eine geregelte Verdauung sorgt. So wird der Druck von der Beckenbodenmuskulatur genommen und das Leiden kann sich verbessern. Bei der Harninkontinenz hat sich darüber hinaus die Aufnahme von Cranberries, einer Heidelbeerenart, in den Speiseplan bewährt – sie sorgt für eine Stärkung der Blase und ist bereits länger auch für ihre Wirkung bei Harnleitererkrankungen bekannt.
Die diagnostischen Möglichkeiten nutzen
Die willkürliche Darmentleerung ist ein relativ komplizierter Vorgang. Daher dauert es in der Kindheit ja auch einige Zeit, bis wir gelernt haben, ihn zu beherrschen. Mehrere Mechanismen sind daran beteiligt. Dementsprechend können die Ursachen für eine Stuhlinkontinenz vielfältig sein und müssen vor Einleitung einer Therapie immer erst sorgfältig abgeklärt werden. Erste Hinweise auf mögliche Ursachen liefern oft schon die Schilderung der Beschwerden durch die Patienten und die Angaben zur Krankengeschichte. Unverzichtbar ist die genaue Betrachtung der Analregion, bei der z. B. Entzündungen, Fisteln, Narben, Schleimhautvorfall oder Hämorrhoiden festgestellt werden können. Wenn der Arzt mit dem Finger den Enddarm austastet, können Anatomie und Verschlusskraft des Schließmuskels beurteilt werden. Auch wenn diese einfachen Untersuchungen keineswegs schmerzhaft sind, empfinden sie viele doch als ausgesprochen unangenehm, weil dieser Körperbereich zur intimsten Tabuzone des Körpers zählt. In der Regel folgen weitere Zusatzuntersuchungen, wie z. B. eine Recto- bzw. Coloskopie (Enddarm- bzw. Dickdarmspiegelung), Ultraschall der Analregion, Druckmessungen und eventuell eine Elektromyographie (Messung der elektrischen Erregbarkeit) der (Schließ-)Muskeln. Im Einzelfall können auch Röntgenuntersuchungen wie z. B. eine Defäkographie oder eine Computertomographie des Beckenbodens erforderlich werden. Verschiedene Formen Medikamentöse Inkontinenz Abführmittel, Antibiotika, Hormone, Diuretika, Betablocker, Muskelrelaxantien Hormonale Inkontinenz Diabetes mellitus, Schilddrüsenüberfunktion Psychisch bedingte Inkontinenz Neurosen und Psychosen, Depressionen, Angstprobleme, Bedürfnis der Zuwendung, Lustgefühl, Aggressionsabbau Stress- bzw. Blastungsinkontinenz mechanische Belastung, abgeschwächte Funktion des Harnverschlussapparates (z. B. nach Entbindungen) Sekundäre Inkontinenz verursacht durch andere Erkrankungen Dranginkontinenz Syndrom der überaktiven Blase Angeborene Stuhlinkontinenz Bei Miss- oder Fehlbildungen des Rektums oder der Nervenversorgung bzw. ihrem Austausch mit dem Gehirn Funktionelle Stuhlinkontinenz Durchfall, Darminfektion, Reizdarm, Lebensmittelallergie oder unverträglichkeit Neurogene Stuhlinkontinenz neurologische Krankheiten, z. B. multiple Sklerose, Demenz, Parkinson Obstipationsbedingte Stuhlinkontinenz durch Verstopfung ausgelöster Schmierstuhl, dünner Stuhl und Darmschleim Entzündliche Stuhlinkontinenz Hämorrhoiden, Fisteln, Darmvorfall, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa Traumatische Stuhlinkontinenz Dammriss, Operation, Verletzung Tumoröse Stuhlinkontinenz Darmkrebs, Analkarzinom Ischämische Stuhlinkontinenz Durchblutungsstörungen oder Stuhlinkontinenz – ist das gezielte, konsequente Beckenbodentraining. Für Patienten, die kaum ein Gespür für ihren Beckenboden haben, können dabei Rückmeldungen durch sogenannte Biofeedback-Verfahren sehr hilfreich sein und das Training oftmals erst möglich machen. Sehr schwache Muskeln können durch gezielte Elektrostimulation gekräftigt werden. Manchmal lässt sich auch durch regelmäßige gezielt herbeigeführte Toilettengänge, Darmentleerungen mittels Abführzäpfchen oder kleiner Einläufe die Inkontinenz beherrschen. Allerdings braucht ein solches Toilettentraining unter Umständen einige Monate Geduld, bis es zufriedenstellend funktioniert. Man sollte daher nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen. In einigen Fällen der Darminkontinenz kann auch durch die Beeinflussung des Ballaststoffgehaltes in der Nahrung und/oder der Gabe von Medikamenten, die die Mobilität des Darmes hemmen, ein positiver Effekt erzielt werden. Sehr gute Ergebnisse lassen sich mit der Irrigation erreichen. Dabei wird der Enddarm täglich oder jeden zweiten Tag mit lauwarmem Wasser gespült und gereinigt. Danach kann man mit einer stuhlfreien Zeit von 24 bis 30 Stunden rechnen. Die Erfolgsquote liegt bei etwa 95 Prozent. Allerdings ist dieses Verfahren, anders als in anderen Ländern, in Deutschland nicht beliebt und verbreitet. Dabei liegt der einzige wesentliche Nachteil im Zeitaufwand. Für die Irrigation müssen schon eine bis eineinhalb Stunden – je nach erforderlicher Spülmenge – eingeplant werden. Weitere Sicherheit können sogenannte Analtampons geben, mit denen sich der Einsatz weiterer Hilfsmittel wie Einlagen oder Windeln oft vermeiden lässt. Einem Großteil der betroffenen Patienten kann so mit relativ einfachen Maßnahmen ausreichend geholfen werden. Ein großes Problem ist die Wiedererlangung der Kontinenz nach Schlaganfällen. Man weiß heute, dass der Lernerfolg am größten ist, wenn an vorhandene Erfahrungen angeknüpft wird. Das heißt, es muss eine Situation geschaffen werden, die unverkennbar mit der Darmentleerung verbunden ist. Das geschieht nicht, indem Betroffene auf die Bettpfanne gesetzt werden, sondern auf eine richtige Toilette.
Blase und Darm erziehen
Die Therapie der Stuhlinkontinenz ist so vielfältig wie deren Ursachen. Basis jeglicher Inkontinenztherapie – gleich ob Harn
Manchmal hilft nur eine Operation
Wenn alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind und schwere Formen der Inkontinenz vorliegen, sollte an eine operative Korrektur gedacht werden. Dafür stehen – je nach Ursache – verschiedene Verfahren zur Verfügung. Bei der Harn inkontinenz hat sich z. B. die Anhebung von Blasenboden und Harnröhre bewährt. Hierfür gibt es verschiedene Techniken etwa durch Verwendung eines Endoskops, durch Raffung des Gewebes oder durch Schlingen aus Kunststoff oder körpereigenem Material. Bei der Stuhlinkontinenz kommen Reparaturoperationen bei Defekten des äußeren Schließmuskels z. B. nach Geburtsverletzungen in Betracht. Sollten Reparatur-operationen nicht den gewünschten Erfolg versprechen oder gehabt haben, kann chirurgisch ein Ersatz für den Schließmuskel geschaffen werden. Eine Möglichkeit ist die sogenannte Grazilisplastik, bei der mit dem dünnen Musculus gracilis vom Oberschenkel ein neuer Schließmuskel geformt wird. Es bedarf aber einer intensiven Schulung und Übung, bis ein derartiger Ersatz gut funktioniert. Dies gelingt bei etwa zwei Dritteln der so Operierten. Waren die bisher beschriebenen Operationstechniken nicht erfolgreich, kann versucht werden, mit einem künstlichen Schließsystem (Artificial bowel sphincter) Kontinenz herzustellen. Die Schließmuskelprothese besteht aus einem manschettenartigen Ballon, der um den Analkanal gelegt wird. Über eine Pumpe und ein Ventil kann der Ballon gefüllt bzw. entleert werden und so der Darmausgang verschlossen bzw. für die Defäkation geöffnet werden. Ein ähnliches System ist das A.M.I. Soft Anal Band System, bei dem statt des Ballons ein Band um den After gelegt wird. Solch ein Schließsystem ist immer noch Hoffnung für Patienten, denen bisher als Ultima Ratio nur ein künstlicher Darmausgang als therapeutische Option angeboten werden konnte.
Das Tabu durchbrechen
Auch wenn besonders die Stuhlinkontinenz immer noch zu den absoluten Tabu-Erkrankungen gezählt werden muss, so dringt sie doch allmählich ins Bewusstsein der Mediziner. Mittlerweile ist die Zahl der Betroffenen so hoch, dass sie nicht mehr ignoriert werden kann. Daher wird in etlichen Bereichen an Verbesserungen der Therapiemöglichkeiten gearbeitet. Es ist daher zu erwarten, dass in den nächsten Jahren wohl neuere Verfahren zur Behandlung der Stuhlinkontinenz auf den Markt kommen werden. Der wichtigste Schritt liegt allerdings bei den betroffenen Patienten. Nur wenn sie den Mut haben, sich einem Arzt ihres Vertrauens zu offenbaren, besteht die Möglichkeit, dass ihr Problem auch gelöst wird.
von Regina Tiepelt
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