Ernährung-Erkrankungen
Aber bitte mit Sahne!
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Der langsame Selbstmord mit Messer und Gabel
„Man kann einen Menschen mit guten Soßen ebenso unter die Erde bringen wie mit Strychnin, bloß dauert es länger.“ Dieser dem berühmten Herzchirurgen Christiaan Barnard zugeschriebene Satz bringt es auf den Punkt. 60 Prozent der Todesfälle und 40 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen werden im Weltgesundheitsbericht von 2001 auf individuelles (Fehl-)Verhalten zurückgeführt. Die größte Rolle spielen dabei – neben dem Rauchen – falsche Ernährung und Übergewicht.
Zu viel, zu fett, zu salzig, zu süß. Kürzer und prägnanter kann man unsere moderne Ernährung nicht beschreiben. In nur einer Generation haben wir es geschafft, eine gesunde regionale und saisonale Esskultur, bei der Wissen über die richtige Nahrungszusammensetzung, Menge und Qualität so ganz nebenbei bei den täglichen gemeinsamen Mahlzeiten an die Nachkommen weitergegeben wurde, zu einer Fast-Food-Abfütterung verkommen zu lassen, die zum Ausgleich dann bei besonderen Anlässen durch hochkalorische Menüs der vermeintlichen Haute Cuisine aufgepeppt wird. Hastig hinuntergeschlungene oder nebenbei gegessene Fertiggerichte führen in der Regel nicht zu einer angenehmen Sättigung, obwohl sie meist mehr Kalorien enthalten als Mutters Eintopf. Sie hinterlassen das Gefühl, eigentlich gar nichts Richtiges gegessen zu haben, und verursachen durch ihren hohen Zuckergehalt schon recht bald wieder ein Hungergefühl, das schnell wieder mit irgendetwas Essbarem gestillt werden muss. Zu viel Kalorien führen aber – wenn sie nicht durch entsprechende Bewegung verbraucht werden – zu Übergewicht bzw. Fettleibigkeit (Adipositas).
Genuss mit Reue
Dabei handelt es sich leider nicht nur um ein kosmetisches Problem. Abgesehen davon, dass Dicke nachweislich unter einem geringeren Selbstwertgefühl leiden, kann Übergewicht über kurz oder lang zu zahlreichen Begleit- und Folgeerkrankungen führen. Die zu viel aufgenommene Energie wird im Körper ja nicht wie eine Konservendose im Keller abgelagert. Vielmehr kommt es zu einer erheblichen Beeinflussung und Umstellung des gesamten Stoffwechsels. Je größer die Fettzellen werden, umso weniger werden sie z. B. ansprechbar auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin. So können die mit der Nahrung aufgenommenen Zuckerstoffe nicht mehr verwertet werden: Der Blutzucker steigt an. Auf diese Weise entwickeln die meisten Übergewichtigen einen Diabetes Typ II, den man früher auch als Alterszucker bezeichnet hat. Inzwischen weiß man aber, dass diese Art der Erkrankung weniger mit dem Alter als mit falscher Ernährung zu tun hat – so ist der jüngste Typ-II-Diabetiker in Deutschland stark übergewichtig und erst fünf Jahre alt. Langfristig gefährlich für Diabetiker sind vor allem die mit der Erkrankung verbundenen Organschäden, die von Nervenschäden und Durchblutungsstörungen z. B. in den Füßen über Blindheit bis hin zu Nierenversagen gehen können.
Durch Ernährung zu beeinflussende Erkrankungen
Übergewicht (Adipositas) Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Bluthochdruck
- Herzinsuffizienz
- Coronare Herzkrankheit
- Herzinfarkt
- Arteriosklerose
- Schlaganfall
- Thrombosen
Magen-Darm-Erkrankungen
- Karies und Parodontose
- Sodbrennen, Refluxkrankheit
- Fettleber
- Gallenblasenentzündungen und
- Verstopfung
- Divertikulose
Bösartige Erkrankungen von
- Mundhöhle, Rachen, Speiseröhre
- Magen, Darm
- Brust, Gebärmutter, Eierstöcken
- Prostata
Erkrankungen des Bewegungsapparates
- Rheuma
- Rheumatoide Arthritis
- Arthrose
- Osteoporose
Stoffwechselerkrankungen
- Diabetes
- Fettstoffwechselstörungen
- Gicht
- Jodmangelkropf
- Nieren-, Blasensteine
Allergien Unzureichende Infektabwehr Atmungsstörungen
- Kurzatmigkeit
- Chronischer Sauerstoffmangel
- Schlaf-Apnoe-Syndrom (Atemaussetzer im Schlaf)
Alle Organe leiden unter Übergewicht
Zu hohe Nahrungsmengen – vor allem wenn es sich überwiegend um tierische Fette handelt – werden nicht nur im Unterhautfettgewebe abgelagert, sondern in allen Organen, so auch in den Wänden der Blutgefäße. Diese durch die zu hohen Cholesterin- und Triglyzeridwerte bedingten Plaques an den Gefäßwänden verkalken und verengen die Gefäße. Dadurch wird ein meist schon vorbestehender Bluthochdruck weiter verstärkt. Herzinfarkte und Schlaganfälle bleiben da nicht lange aus. Die Kombination aus Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung nennt man auch metabolisches Syndrom bzw. tödliches Quartett. Als besonders gefährlich hat sich eine Fettansammlung im Bereich des Bauches erwiesen (so genannte Apfelform im Gegensatz zur Birnenform, bei der sich das Fett überwiegend an den Hüften ablagert). Bei Frauen ist ab einer Taillenweite von 80 cm, bei Männern von 94 cm von einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auszugehen. Ab einem Taillenumfang von 88 cm bei Frauen und 102 cm bei Männern spricht man von Bauchfettsucht, die mit einem deutlich erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen einhergeht. Doch nicht nur Stoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten gehäuft bei Übergewichtigen auf. Nach dem derzeitigen Stand des Wissens geht man davon aus, dass auch bösartige Erkrankungen – nicht nur des Magen-Darm-Traktes – durch die Ernährung beeinflusst werden können. Vor allem ein Zuviel von falschen Fetten steht im Verdacht, die Entwicklung von z. B. Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs zu fördern. Vor allem Gelenke können vielfach auf Dauer der vermehrten Belastung bei Übergewicht nicht standhalten. Es entwickelt sich leicht eine schmerzhafte Arthrose besonders an Hüften und Knien, was die dringend nötige Bewegung zusätzlich deutlich erschwert.
Leben im Schlaraffenland
Zugegeben, noch nie war es so schwer wie heute, Normalgewicht zu halten, denn das Angebot an Nahrungsmitteln aller Art während des ganzen Jahres war noch nie so groß. Zu keiner Zeit lockten so viele fette (oft gut versteckt), süße, salzige und kalorienreiche Esswaren. Noch nie wurden die schnellen Tröster bei Stress und Kummer so massiv beworben, so verlockend dargeboten und waren so billig. Immer und überall ist Essbares greifbar. Gleichzeitig war unsere Lebensweise noch nie so bequem und bewegungsarm. Noch nie mussten wir weniger Energie aufwenden, um an unsere Nahrung zu gelangen. Da bleibt es – wenn man nicht aufpasst – nicht aus, dass die Energiebilanz sehr schnell positiv wird und sich die überzähligen Kalorien an Hüften und Bauch als „Rettungsringe“ ablagern. Noch bis vor etwa 100 Jahren war ein gutes Speichervermögen ein Überlebensvorteil, um Hungerzeiten besser zu überstehen. Heute – in Zeiten des Überflusses und ohne regelmäßige Hungerperioden – wird es uns zum Verhängnis und bringt uns frühzeitig ins Grab, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Experten gehen davon aus, dass die ernährungsbedingten Krankheiten mit ihren Folgen trotz Fortschritten bei der Behandlung erstmals wieder zu einer Senkung der Lebenserwartung bei der kommenden Generation führen werden. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird in 25 Jahren jedes zweite Kind fettleibig sein. Das ist insofern dramatisch, als im Kindesalter die Zahl der Fettzellen festgelegt wird. Nehmen Erwachsene zu, vergrößern sich die Fettzellen zwar, werden aber nicht mehr. Je mehr fettspeichernde Zellen aber angelegt sind, umso schwieriger ist es, abzunehmen oder das Gewicht zu halten.
Verhaltensänderung durch Bewusstseinsänderung
Zur Zeit werden in Deutschland pro Jahr von den Krankenkassen etwa 70 Milliarden Euro für die Folgen der Fehlernährung ausgegeben. Abgesehen davon, dass wir uns solche Summen bald nicht mehr werden leisten können, wäre dieses Geld auch sehr viel sinnvoller angelegt, wenn damit ernährungsbedingte Erkrankungen nicht behandelt, sondern verhindert würden. Dazu muss sich aber unser Gesundheitssystem von einer Reparatur- zu einer Gesundheitsmedizin wandeln. Darüber hinaus muss jeder Einzelne lernen, für sich und seine Gesundheit Verantwortung zu übernehmen, und sich entsprechend ernähren und bewegen. Natürlich sollen wir fortan nicht wie Twiggy, das unterernährte Modell aus den 70er Jahren, herumlaufen. Es geht auch nicht um Blitz-Diäten, die einen Gewichtsverlust von fünf Kilo pro Woche versprechen, sondern um eine langfristige und dauerhafte Änderung der Ess- und Bewegungsgewohnheiten: Mahlzeiten aus hochwertigen Zutaten zu genießen und den uns angeborenen Bewegungsdrang zu fördern, statt zu unterdrücken. Bonusprogramme der Krankenkassen und das mittlerweile auf den Weg gebrachte Präventionsgesetz sind erste kleine Schritte, diese Zusammenhänge in der Bevölkerung und vor allem bei Kindern und Jugendlichen bewusster zu machen. Schon mittelfristig wird es sich auszahlen, nicht nur für die Gesellschaft, sondern für jeden Einzelnen: Mit gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung gewinnt man nicht nur Lebensdauer, sondern vor allem Lebensqualität.
von Sigrid Eberle
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