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Diabetes bei Kindern und Jugendlichen aus ORTHOpress

Finger weg von Zucker und Fett

Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Erkan Yilmaz schnauft wie eine Dampflok. Bis zum Pausengong sind es nur noch wenige Minuten, dann beginnt die nächste Unterrichtsstunde. 45 Stufen hat der Sechstklässler noch vom Pausenhof bis in den Biologiesaal im 2. Stock zu überwinden – eigentlich keine große Sache. Aber während seine Schulkameraden leichtfüßig an ihm vorbeihüpfen, ist für den Dreizehnjährigen jede Stufe eine neue Qual. Das ist auch kein Wunder, denn Erkan ist nicht etwa stämmig oder untersetzt: Erkan ist unglaublich fett. Geschätzte 138 Kilo bringt der Berliner Realschüler auf die Waage. Genau weiß er es nicht, denn die Badezimmerwaage seiner Eltern zeigt ab 130 kg nur noch ein großes „E“ für Error. Was auf Deutsch so viel wie „Fehler“ oder „Irrtum“ heißt, so viel hat Erkan bereits im Englischunterricht gelernt.

Ein Irrtum ist das allerdings nicht, sondern die bittere Wahrheit. Seit dem zweiten Schuljahr hat der begeisterte Computerfan nur noch zugelegt, manchmal gar 10 Kilo im Monat. „Natürlich fand ich mich auch früher schon dick“, gibt er freimütig zu. Trotzdem hat er erst seit kurzer Zeit verstanden, dass er sich in seinen jungen Jahren schon fast zu Tode gefressen hat. Denn Erkan ist Typ-2-Diabetiker. Seit etwa einem halben Jahr muss er Insulin spritzen, weil seine Bauchspeicheldrüse die Produktion des körpereigenen Hormons weitgehend eingestellt hat. Seitdem macht Erkan eine strenge Diät. Statt mehrerer Hamburger mit zwei mal zwei großen Tüten Pommes mit Mayo knabbert der mit 1,53 m eigentlich hochgewachsene Junge verlegen an einer halben geschälten Salatgurke: „Wenigstens davon darf ich so viel essen, wie ich möchte. Am schlimmsten ist, dass ich jetzt keine Cola mehr trinken darf.“ Früher waren es mindestens zwei, öfter auch mal drei oder vier 1,5-Liter-Flaschen, die er nachmittags vor dem Bildschirm „weggezogen“ hat, wie er berichtet.
Diabetes betrifft nicht nur den „Zucker“
Durch den Diabetes werden aber nicht nur der Blutzuckerspiegel, sondern zahlreiche andere Stoffwechselvorgänge (insbesondere der Fettstoffwechsel) negativ beeinflusst. Auch bei einem „gut eingestellten“ Diabetiker bleiben deshalb die Risiken für bestimmte Folgeerkrankungen wie Gefäßkrankheiten und Nervenschädigungen dauerhaft erhöht. Ein bereits in jungen Jahren manifester Typ-2-Diabetes kann daher zu einer signifikanten Verringerung der Lebenserwartung führen. Amerikanische Forscher befürchten, dass die immer noch steigende Anzahl stark übergewichtiger Kinder dazu führen könnte, dass lebensbedrohliche Erkrankungen wie z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt und Niereninsuffizienz vermehrt ins junge Erwachsenenalter verlagert werden. Die Folge wäre neben dem individuellen Leid der Betroffenen eine nahezu untragbare Mehrbelastung einer jeden Gesellschaft – nicht nur durch die dem Gesundheitssystem entstehenden Behandlungsaufwendungen, sondern auch durch die frühe Arbeitsunfähigkeit bzw. Invalidität eines Heers jugendlicher Schwerstkranker.

Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs

Bereits im Frühjahr letzten Jahres schlugen amerikanische Ärzte Alarm: Die Langzeitfolgen der sich epidemieartig ausbreitenden Fettleibigkeit im Kindesalter seien noch gar nicht abzusehen, meinte David Ludwig, Leiter des Optimal Weight for Life (OWL)-Programms der Bostoner Kinderklinik. „Es ist bekannt, dass Fettleibigkeit das Risiko für Herzkrankheiten und Krebs erhöht. Tatsächlich ist die Flut der fettleibigen Kinder bereits im Begriff, einen noch nie da gewesenen Anstieg von Typ-2-‚Alters’- Diabetes bei Kindern auszulösen.“ Dabei hat laut Ludwig der „Tsunami“ der XXL-Kids das Ufer noch nicht einmal erreicht: „Bis Komplikationen auftreten, dauert es Jahre“, sagt der Mediziner, der auch Coautor einer viel beachteten Studie der Universität Illinois zum Thema ist.

Die Bauchspeicheldrüse: Wie sie funktioniert
insulin.jpg Die Bauchspeicheldrüse (medizinisch „Pankreas“) ist beim erwachsenen Menschen 10–15 cm lang und sitzt etwa in Magenhöhe zwischen diesem und der Wirbelsäule. Sie erfüllt gleich mehrere wichtige Funktionen. Zum einen gibt sie das Pankreassekret – den Bauchspeichel – über einen eigenen Zugang in den Dünndarm ab. Dieser Bauchspeichel, von dem mehr als ein Liter am Tag erzeugt wird, enthält gleich mehrere wichtige Enzyme. Sie sind notwendig, um Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate so aufzuspalten, dass ihre Bestandteile von den Darmzotten aufgenommen werden und unser Körper sie optimal verwerten kann. Die andere Funktion der Bauchspeicheldrüse ist die Produktion mehrerer lebenswichtiger Hormone, insbesondere von Insulin. Durch eine bedarfsgerechte Abgabe von Insulin ins Blut wird der Zuckerabbau angeregt und so der Blutzuckerspiegel gesteuert. Versagt dieser Steuerungsmechanismus, so sind ernsthafte Stoffwechselprobleme die Folge, wenn nicht genug oder zu viel Insulin produziert wird. Insulinmangel führt zur „Zuckerkrankheit“, bei welcher der Blutzuckerspiegel zu hoch ist, Insulinüberschuss erzeugt eine Hypoglykämie (Unterzuckerung).
US-Jugendliche: Zahl der sehr Dicken seit 1976 verdoppelt
„Wenn die Zeitbombe aber bereits im Alter von 12 oder 14 Jahren zu ticken beginnt, sind die Folgen für das öffentliche Gesundheitswesen katastrophal – stellen Sie sich einmal vor, was passiert, wenn Herzinfarkt oder Nierenversagen zu gängigen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen werden.“ Dabei gilt es, bei den Betroffenen zwischen übergewichtig und adipös zu unterscheiden. Nicht nur hat in den letzten 30 Jahren die Anzahl der jungen Dicken generell zugenommen, sondern es hat sich darunter der Anteil der sehr Dicken – das sind solche Kinder mit einem Body Mass Index (BMI) von 30 und mehr – verdoppelt. Experten wie David Ludwig gehen davon aus, dass dies in absehbarer Zeit Auswirkungen auf die statistische durchschnittliche Lebenserwartung haben wird. Noch steigt diese rein rechnerisch – im vergangenen Jahr in den USA auf einen Rekord von 77,6 Jahren. Ludwig ist jedoch davon überzeugt, dass die reale Lebenserwartung bereits für diejenigen, die jetzt geboren werden, um etwa vier bis neun Monate gesunken ist – und selbst das sei eine „konservative“ Schätzung, wie er betont.
Wie entsteht ein Typ-2-Diabetes?
Der süße Tod kommt schleichend Aber was hat der Blutzucker eigentlich mit dem Gewicht zu tun? Ganz einfach: Übergewichtige Menschen benötigen zur Aufrechterhaltung eines „normalen“ Blutzuckerspiegels mehr Insulin als ihre schlanken Mitbürger. Verschiedene Faktoren können dann dazu führen, dass das ständige Überangebot zu einer Resistenzbildung bei den Zellen führt, welche eigentlich mit Hilfe des Insulins den Zucker verstoffwechseln sollen. Ein Teufelskreis beginnt: Der Körper reagiert auf die abnehmende Fähigkeit zur Insulinverwertung mit der Ausschüttung von noch mehr Insulin. Ist dieses Stadium erreicht, so spricht man von einem „Prädiabetes“ – ohne adäquate Behandlung und eine radikale Änderung des Lebensstils (Gewichtsreduktion!) wird der Betroffene unweigerlich einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Dies liegt daran, dass ein ständig hoher Insulinspiegel nicht beliebig lange aufrechterhalten werden kann. Die so genannten Betazellen in den „Langerhans’schen Inseln“ – das sind die Bereiche der Bauchspeicheldrüse, in denen das Insulin entsteht – ermüden und verlieren irreparabel ihre Fähigkeit zur Insulinproduktion. Die Folge ist, dass der Insulinbedarf nicht mehr vom Körper allein befriedigt werden kann. Ist es einmal so weit gekommen, ist der Patient in aller Regel auf die lebenslange Einnahme von Medikamenten bzw. die Insulingabe angewiesen.
Diabetes Typ 1 und Typ 2 – was ist der Unterschied?
Beim Typ-1-Diabetes werden die insulinproduzierenden B-Zellen von körpereigenen Abwehrstoffen zerstört, bis schließlich gar kein Insulin mehr von der Bauchspeicheldrüse hergestellt wird. Man geht daher heute davon aus, dass es sich dabei um eine Autoimmunerkrankung handelt. Da ein Typ-1-Diabetes in aller Regel im Kindes- oder frühen Jugendalter auftritt, war die Lebenserwartung daran Erkrankter in früheren Zeiten stark eingeschränkt; meist blieben den Betroffenen nur einige wenige Monate oder Jahre nach der Diagnosestellung. Erst 1921 gelang es kanadischen Forschern, das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren zu isolieren, was dann kurz darauf die wirksame Behandlung eines Diabetes ermöglichte. Der Diabetes Typ-2 dagegen wird auch als „Altersdiabetes“ bezeichnet, weil er in der Vergangenheit (heute oft leider nicht mehr) hauptsächlich nach dem 40. Lebensjahr auftrat. Ihm liegt in vielen Fällen eine „ungesunde“ Lebensweise zugrunde: Zucker- und fettreiche Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und mangelnde Bewegung begünstigen die Entstehung eines Typ-2-Diabetes.
Wie sieht die Diabetesbehandlung aus?
Für die meisten Diabetiker führt über kurz oder lang kein Weg an der Spritze vorbei. Typ-1-Diabetiker benötigen ohnehin Insulin und nur Typ-2-Diabetiker können im Frühstadium der Erkrankung noch eine Zeit lang mit in Tablettenform verabreichten Medikamenten auskommen, welche die Insulinproduktion anregen und die Insulinresistenz vermindern. Das Insulin selbst gibt es allerdings nicht in Tablettenform – es kann den Magen-/Darmtrakt nicht passieren, ohne zerstört zu werden, und so gar nicht erst bis in die Blutbahn gelangen. In der Erprobung sind aber momentan Präparate, welche inhaliert werden können und so nicht mehr gespritzt werden müssen. Die größte Hoffnung der Medizin ist allerdings die Transplantation von insulinproduzierenden Zellen. Sollte es in der Zukunft gelingen, die Abstoßungsreaktion des Empfängergewebes für einen langen Zeitraum zu unterdrücken, so könnte die Insulinspritze irgendwann einmal ganz überflüssig werden.
Fett und Zucker – in der Mischung fatal
Dass der Anteil der „sehr Dicken“ mit einem BMI über 30 immer weiter ansteigt, führen Ernährungswissenschaftler auf eine unheilvolle Kombination zurück. Denn Fett und Zucker begünstigen sich gegenseitig: Enthält eine Speise neben Fett auch Kohlenhydrate (besonders „einfachen“ Raffinadezucker), so finden bis zu 80 Prozent mehr Kalorien ihren Weg in unseren Körper. Wird die Verbrennung derselben dann noch durch „Störer“ wie z. B. Alkohol behindert, ist die Gewichtszunahme vorprogrammiert. Umgekehrt machen sich einfache Diätkonzepte wie die so genannte Trennkost dieses Prinzip zu Nutze: Als Solomahlzeit setzt auch ein ordentlich großes Steak weniger an als ein kleineres mit einer gleichzeitig genossenen Folienkartoffel. Das gilt aber gleichermaßen für die allein gegessene Kartoffel, die eigentlich nur in Kombination zum „Dickmacher“ werden kann.
Insulin ersetzt nicht die Änderung des Lebensstils!
Mit der Gabe von Insulin allein ist es jedoch nicht getan. Die meisten Diabetiker müssen ihren Lebensstil mehr oder weniger ändern, um nicht schon bald an schweren Folgeerkrankungen zu leiden (bes. Augen-, Gefäß- und Nervenerkrankungen). Der wohl wichtigste Punkt ist der maßvolle Verzehr von Zucker und Fett bzw. eine deutliche Gewichtsreduktion – ein Body Mass Index (BMI) von unter 25 sollte unbedingt angestrebt werden. Im Frühstadium eines Diabetes kann durch Beherzigen dieser Empfehlungen der Zeitpunkt der Insulinpflichtigkeit möglicherweise um Jahre hinausgezögert werden.
von Arne Wondracek

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