Das-Reizdarm-Syndrom

Das Reizdarm-Syndrom

Gesund und doch krank

Das Reizdarm-Syndrom

Darmbeschwerden und funktionelle Darmstörungen haben in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Inzwischen ist ein gesunder Darm – zumindest bei uns in Mitteleuropa – eher die Ausnahme als die Regel. Fachleute sehen einen direkten Zusammenhang mit den veränderten Ernährungsgewohnheiten vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg. Die heute übliche Nahrung – (zu) reichlich und konzentriert an Kalorien, Zucker, Fett und Salz – überfordert und stresst unseren Darm, denn unser Verdauungssystem befindet sich physiologisch noch in der Steinzeit.

Das führt dazu, dass bei etwa einem Viertel der Bevölkerung der Darm chronisch gereizt ist. Besonders Frauen leiden häufig unter einem Reizdarm, auch RDS, Colon irritabile, spastisches Kolon oder Irritable Bowel Syndrome IBS genannt. Die Symptome können sehr unterschiedlich und auch wechselnd sein, so dass die Diagnose oftmals nicht ganz einfach ist. Häufige Beschwerden sind:

  • Missempfindungen, Krämpfe und Schmerzen im Bauchraum, die sich nach der Stuhlentleerung bessern
  • Wechsel der Stuhlgangsfrequenz, das heißt, Phasen mit häufigen Stuhlentleerungen pro Tag wechseln sich mit seltenen Entleerungen ab
  • Häufige Wechsel der Stuhlform, das heißt, Durchfall und Verstopfung wechseln sich ab
  • Änderung der Stuhlgangskonsistenz, das heißt, mal ganz weicher, mal sehr harter Stuhlgang
  • Blähungen (Gefühl, schwanger zu sein.)

Unser Darm
Der etwa sechs bis acht Meter lange Darm stellt flächenmäßig die größte Verbindung zur Außenwelt dar, die zudem noch mitten durch unseren Körper zieht. Während die Oberfläche der Haut – je nach Größe und Gewicht – etwa ein bis zwei Quadratmeter beträgt, man die Lungenoberfläche – über die ja auch eine Verbindung zur Außenwelt besteht – auf circa 100 Quadratmeter schätzt, würde die Darm- oberfläche, wenn man alle Fältelungen und Zotten eben ausbreitete, ungefähr eine Fläche von 10.000 Quadratmetern bedecken, was den Ausmaßen eines großen Fußballfeldes entspricht. Die Schleimhaut des Darmes ist im Vergleich zur Haut sehr zart und dünn, so dass ein lebhafter Stoffaustausch erfolgen kann. Wertvolle Nahrungsbestandteile werden aufgenommen, schädliche Stoffe dagegen schnell durch den Darm geschleust. Gleichzeitig sorgt die Schleimhaut dafür, dass möglichst wenig Wasser und Mineralien aus dem Körper ausgeschieden werden. Dies alles funktioniert aber nur bei intakter Schleimhaut. Eine chronisch gereizte Schleimhaut wird löchrig. Auch Bakterien und gröbere Nahrungsbröckchen können dann in den Körper eindringen und gleichzeitig wandern wertvolle Blutbestandteile in den Darm und gehen so verloren.

Wer sucht, der findet nichts

Eine Abklärung der Darmsymptomatik sollte auf jeden Fall erfolgen, um schwerwiegende entzündliche, infektiöse oder tumoröse Erkrankungen auszuschließen. Liegt ein Reizdarm vor, bleiben alle zur Diagnosefindung durchgeführten Untersuchungen ohne auffälligen Befund. Nur hin und wieder stellt man eine Laktose- oder Glutenunverträglichkeit als Auslöser der Symptome fest. Im Allgemeinen liefern sowohl Laborwerte als auch eine Darmspiegelung keine handfesten Ergebnisse, die die Beschwerden erklären könnten. Die Betroffenen sind gesund und doch krank. Häufig werden daher Menschen mit einem Reizdarm nicht ernst genommen, worunter sie manchmal noch mehr als unter den Schmerzen leiden.

Unser Darm

Auch im Bauch gibt es ein Hirn
Nun sind die Beschwerden beim Reizdarm aber alles andere als eingebildet. Es geht um mehr als um ein wenig Rumpeln im Bauch nach einem guten Essen, wie es wohl jeder kennt. Mittlerweile existieren gut belegte Theorien zur Erklärung des Krankheitsbildes. Die zurzeit gängigste geht von einer Absenkung der Reizschwelle im Darm aus, ähnlich dem Mechanismus, der heute überwiegend auch als Auslöser der Migräne diskutiert wird. Was bedeutet das? Heute weiß man, dass der menschliche Verdauungstrakt mit einer so hohen Nervenzelldichte ausgestattet ist, wie sie sonst nur noch im Gehirn vorkommt. Wissenschaftler sprechen daher auch vom „Darm- oder Bauchhirn“. Über dieses hochsensible System wird von Geburt an die Verdauung gesteuert. Dazu werden permanent Informationen über den jeweiligen Aufenthaltsort und Zustand der Nahrung (z. B. Zusammensetzung in Bezug auf Inhaltsstoffe und Wassergehalt, Größe der Brocken usw.) im Verdauungskanal an das Gehirn weitergeleitet. Gleichzeitig werden ständig Arbeitsanweisungen erteilt, wie mit dem Darminhalt zu verfahren ist. Ob er z. B. beschleunigt passieren soll oder noch einmal ein Stückchen im Darm zurückgeschoben werden muss usw. Von all diesen Vorgängen bekommen wir in der Regel so gut wie nichts mit. Das ist auch gut so, denn anderenfalls könnten wir uns kaum noch auf etwas anderes konzentrieren.
Das können Sie selber tun!“

  • Führen Sie ein Tagebuch, um herauszufinden, in welchen Zusammenhängen Ihre Beschwerden auftreten.
  • Trinken Sie reichlich Wasser und meiden Sie scharfe Gewürze, Kaffee, Alkohol und Nikotin.
  • Regelmäßige Bewegung (Spazierengehen reicht schon) tut auch Ihrem Darm gut.
  • Machen Sie regelmäßig Entspannungsübungen und vermeiden Sie – soweit möglich – stressige Situationen.
  • Stellen Sie Ihre Ernährung mit Hilfe von Fachleuten (spezialisierte Ärzte, ErnährungsberaterInnen oder DiätassistentInnen) um.

Wenn die Schwelle sinkt, tut es weh
Die Nahrungszusammensetzung spielt für den reibungslosen Ablauf dieser Vorgänge eine große Rolle. Nahrung, die ständig zu mächtig, zu fett, zu süß, zu salzig oder zu ballaststoffarm ist, führt zu einer chronischen Reizung der Darmschleimhaut. Bei einer anhaltenden Überreizung wird aber auf Dauer der Informationsaustausch zwischen Darm und Gehirn gestört, was eine Herabsetzung der Reizschwelle zur Folge hat. Das bedeutet, dass nun ganz normale Verdauungsvorgänge als schmerzhaft wahrgenommen werden. Schon wenn der Nahrungsbrei lediglich im Darm hin und her geschoben wird, kann dies bereits ein Unwohlsein, wenn nicht gar Schmerzen auslösen. Solche Veränderungen bedeuten natürlich Stress und Dauerspannung, die sich auch auf den gesamten Körper übertragen können. So leiden denn auch Menschen mit einem Reizdarm in erhöhtem Maße unter anderen funktionellen Beschwerden wie z. B. Schlafstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Herzsensationen, Stimmungsschwankungen, Angstgefühlen und Depressionen. Denn schon der Volksmund weiß: Die Gefühle kommen aus dem Bauch. So spricht man denn mittlerweile auch dem Nerven-Botenstoff Serotonin, dem so genannten Glücks-hormon oder Anti-Stress-Hormon, bei der Steuerung der Darmfunktion eine wichtige Schlüsselrolle zu.
Paradoxes erschwert die Therapie
Vorrangige Maßnahme bei der Behandlung des Reizdarmes ist die Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. Erfolgt dies ohne fachkundige Anleitung, machen die meisten Erkrankten aber in der Regel üble Erfahrungen damit. Das plötzliche Angebot an ballaststoffreicher Nahrung überfordert den Darm und er reagiert mit einer heftigen Verschlimmerung der Symptomatik. Denn paradoxerweise verträgt ein Reizdarm am besten die Nahrung, die ihm langfristig am wenigsten bekommt. Daher muss die Umstellung – genau wie bei einem sportlichen Training – stufenweise und langsam erfolgen, damit nicht ein heftiger „Muskelkater“ alle guten Ansätze schnell wieder zunichte macht. Verschiedene Medikamente können bei der Reizdarm-Therapie – meist allerdings nur vorübergehend – nützlich sein. Begleitend erweisen sich auch immer wieder psychotherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken als wertvolle Therapiebausteine. Mit solch einer „konzertierten Aktion“ lässt sich in vielen Fällen Beschwerdefreiheit erreichen, eine echte Heilung ist aber eher selten möglich. Allerdings, dies zum kleinen Trost für die Betroffenen: Ein Reizdarm geht so gut wie nie in eine bösartige Erkrankung über und die Lebenserwartung der Betroffenen ist auch nicht geringer als bei Gesunden.
von Sigrid Eberle

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